Teilen – Inspirierende Geschichte

Edel, aber auch etwas weltfremd wirkt auf viele die Geschichte vom Heiligen Martin, der seinen Mantel teilte, um einem Erfrierenden zu helfen. Zu teilen, was wir haben, und davon abzugeben, hat heute einen anderen Stellenwert als vor etlichen Jahrzehnten, in denen im westlichen Kulturkreis die Werte des Christentums nahezu unhinterfragt galten. Warum teilen, wenn nicht mehr gesichert ist, mir damit meine Eintrittskarte ins Paradies zu reservieren? In manchen Situationen mag es ja noch sinnvoll sein, Hilfsbedürftigen etwas vom eigenen Überfluss abzugeben, wie 2004 das große Engagement für die Opfer der Tsunamikatastrophe gezeigt hat, aber darüber hinaus? Mit wirtschaftlich ähnlich situierten Menschen oder sogar mit Konkurrenten zu teilen – ein solcher Rat mag wohl eher befremden als einleuchten. Und doch:

Ein Farmer, dessen Mais auf der staatlichen Landwirtschaftsmesse immer den ersten Preis gewann, hatte die Angewohnheit, seinen besten Samen mit allen Farmern der Nachbarschaft zu teilen.
Als man ihn fragte, warum er das täte, sagte er: »Eigentlich liegt es in meinem ureigensten Interesse. Der
Wind trägt die Pollen von einem Feld zum anderen. Wenn also meine Nachbarn minderwertigen Mais züchten, vermindert die Kreuzbestäubung auch die Qualität meines Kornes. Darum liegt mir daran, dass sie nur den allerbesten anpflanzen.

Zu teilen kann also aus verschiedenen Gründen sinnvoll sein:
• Aus moralisch-sittlichen Motiven, vor allem religiösen Ursprungs.
• Weil das Engagement für andere als solches einen selbst seelisch bereichert – gewissermaßen der instant return on investment.
Insofern braucht es auch keine spätere Belohnung für unsere guten Taten, denn wir werden innerlich im Augenblick
des Teilens durch unsere gute Tat belohnt. Es gibt unserem Leben einen tieferen Sinn. Schließlich, weil wir auch einen realen Nutzen davon haben können, wie in der Geschichte des geteilten Samens.
Auch im Wirtschaftsleben kann es unter diesem Aspekt sinnvoll sein, mit Geschäftsleuten, Nachbarn, ja sogar Mitbewerbern zu teilen. Der »beste Samen« könnte stehen für das eigene Knowhow, Beziehungen, Vertriebswege und Kunden. In manchen Fällen kann es für beide Seiten von Nutzen sein, sich auszutauschen und Bälle zuzuspielen, ohne dass jemand dabei etwas verliert. Habe ich beispielsweise bei einer Firma einen Vortrag auf einer Jahresversammlung gehalten und weiß, dass dort üblicherweise jedes Jahr ein neuer Redner eingeladen wird, so kann ich ohne Schaden einen guten Trainerkollegen empfehlen oder ihm die nötigen Informationen weitergeben. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass er sich umgekehrt auch einmal ähnlich verhalten wird. – Und wenn es nicht nur aus Berechnung erfolgt, ist die Gefahr auch nicht so groß, enttäuscht zu werden, wenn der Ball nicht zurückgespielt wird.

Interessanterweise sind Menschen, die viel teilen, nicht nur sehr beliebt und finden meistens Unterstützung, wenn sie selbst einmal Hilfe brauchen – in der Regel sind sie auch zufriedener und erfüllter als solche, die alles angstvoll horten und für sich behalten. Übrigens muss es keineswegs immer etwas Großes und Bedeutendes sein: Auch ein geteiltes Lächeln bewirkt eine gegenseitige Bereicherung.

Fragen zum Nachdenken
• Was ist der »Samen«, den ich teilen könnte?
• Was hindert mich, mehr davon zu geben?
• Welche praktischen Möglichkeiten könnte es geben, im Sinne
einer »Win-win-Lösung« Synergien durch Teilen zu schaffen?

Quelle: Marcho von Münchhausen – Auszeit. Inspirierende Geschichten für Vielbeschäftigte

 

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