Augenblick – Eine Geschichte zum Nachdenken

Es gibt Augenblicke im Leben, die unvergesslich sind, weil sie sich in unser tiefstes Innerstes einprägen. So einprägen, dass sie in unserer Erinnerung jederzeit abrufbar sind. In meinem Urlaub, im Sommer letzten Jahres gab es so einen „Augenblick“, den ich nie vergessen werde, weil er mein Innerstes tief berührte.

 

In der Morgenpost im Hotel wurde eine Vernissage am Abend angekündigt. Es war eine Ausstellung der besonderen Art. Jugendliche mit Behinderung stellten ihre Bilder aus.
Schon während des Tages wurden die Kunstwerke auf den Staffeleien aufgestellt und beschriftet. Meine Neugierde ließ es nicht zu, mich in Geduld zu fassen und bei jedem Gang zum See sah ich mir die bereits ausgestellten Werke an.

Ich hatte für mich beschlossen, dass ich eines der Bilder erstehen würde. Es war mir ein Bedürfnis, diese gute Idee, junge Künstler einzuladen und ihre Arbeit dadurch zu unterstützen, mit meinem Kauf zu würdigen.
Am späteren Nachmittag, als mich mein Weg wieder einmal an den Bildern vorbei führte, war es dann so weit. Ich habe es gefunden – „mein Bild“! Herr Sandi hat es gemalt. Er arbeitet vormittags in einer Küche, und am Nachmittag lässt er seiner Kreativität freien Lauf, las ich auf der Rückseite.

Es trägt den Titel „Augenblick“, ist rechteckig, dunkelgrün und in der Mitte hat es einen weißen Fleck. Mit weißer Farbe steht geschrieben: „Die Vergangenheit ist Geschichte, die Zukunft ein Traum und dieser Augenblick ist ein Geschenk!“
Getroffen, sehr berührt von Kopf bis Fuß, von dem Text und von der Sichtweise des „Augenblicks“ des Künstlers, stand ich da. Das ist mein Bild, das nehme ich mit nach Hause, dachte ich.

Dann kam der Abend. Die Besucher der Ausstellung flanierten mit einem Glas Sekt durch die Galerie und bestaunten die Kunstwerke. In einer Ecke, abseits von den Besuchern, stand ein Grüppchen junger, etwas schüchterner Menschen. Das sind sie, dachte ich bei mir. Man sah ihnen an, dass sie besondere Menschen waren. Trotz Unsicherheit und emotionalen Überforderung des Augenblicks, strahlten ihre Augen als wäre Weihnachten. Sie waren in Erwartung, ob ihre Bilder, ihre Kunstwerke gefallen finden würden, ob sie jemand so gut findet, dass das eine oder andere Bild gekauft wird.

 

Ich war von ihrem Anblick so berührt, dass mir Tränen in die Augen schossen. „Mein Bild“ rasch und unauffällig kaufend, gingen mein Mann und ich gleich in den Speisesaal.
Die jungen Leute waren nach Beendigung der Ausstellung zum Abendessen eingeladen. Ihr Tisch war in unserer Nähe gedeckt. Als sie den Speisesaal betraten, kam einer von ihnen aus dem Grüppchen strahlend auf mich zu und sagte:

„Ich bin ein Künstler, ich habe mein Bild verkauft, ich freue mich so!“ „Ja“, sagte ich, meine Rührung unterdrückend. „Wie sieht denn dein Bild aus“, fragte ich ihn.

„Dunkelgrün mit einem weißen Fleck und einem Spruch“, strahlte er. Ich konnte gar nichts sagen. Mein Mann übernahm: „Meine Frau hat dein Bild gekauft!“

Er sah mich mit großen überraschten Augen strahlend an: „Du, du hast mein Bild gekauft?“ Ich nickte mit ebenso glänzenden Augen der Rührung. Was für ein Zufall, was für ein „Augenblick“ war mir gegönnt!
Wenn Sie mich fragen würden: „Was gibst du dieser Begegnung für eine Farbe in deiner Emotion?“ Ich würde sagen – „Keine!“

Es ist Licht! Licht, das wie Sternschnuppen vom Himmel fällt und das in die Welt gekommen ist und dich – ob du willst oder nicht, ob du vorbereitet bist oder nicht – trifft.

 

Von Christa Staudigl

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